Triple-Ultra-Triathlon 29.-31.07.2011 in Lensahn

Nach der Siegerehrung des "Gefrierschrank-Ironmans", welche passender Weise in der Eisporthalle Frankfurt statt fand, beginnt die Packprozedur für den Triple-Ultra-Triathlon (11,4/540/126,6 km). Zuletzt findet das Wäschegestell mit der frisch gewaschenen Sportbekleidung im Kleinbus seinen Platz.

Gegen Abend brechen Caro und ich ins 600 km entfernte Lensahn nahe der Osteeküste auf, wo wir in der Nacht unser reserviertes Klassenzimmer in der Schule neben dem Sportgelände "beziehen".

Die folgenden Tage verlaufen ähnlich derer der Vorjahre. Dienstags gehen wir Lebensmittel einkaufen und abends ist Grillen bei Familie Schikorr angesagt. Mittwochs drehe ich Testrunden mit dem Rennrad und laufe auf der Originalrunde wenige Kilometer. Dem Schwimmbad statte ich ebenfalls einen Besuch ab. Abends findet ein Zusammentreffen der bereits angereisten Athleten und Betreuer im Vereinsheim statt.

Am Donnerstag müssen alle Athleten morgens zur Wettkampfbesprechung im Schwimmbad erscheinen. Neuerungen gibt es nicht. Der Ultra-Triathlon, der dieses Jahr zum 20. Mal ausgetragen wird, ist eben bereits fast perfekt organisiert. Im Anschluss daran wird unser Hämatokrit-Wert, also der Anteil der zellulären Bestandteile am Gesamtvolumen des Blutes, vom Rennarzt festgestellt. Dies ist im Übrigen kein Beleg für Doping, denn allein Dehydratation kann schon für stark überhöhte Werte sorgen. Der Abend steht im Zeichen der Pasta-Party, in dessen Verlauf alle ihre Starterbeutel erhalten. Um 23.00 Uhr liegen wir in der Koje.

Renntag! Gegen 6.20 Uhr erscheinen wir im Schwimmbad. Den Platz in der Wechselzone für mein Rennrad kann ich frei wählen. Ich präpariere mich fürs Schwimmen; Caro hilft mir dabei. Nach 3 Bahnen Einschwimmen und den Segensworten des ortsansässigen Pfarrers erfolgt pünktlich um 7.00 Uhr der Startschuss. 47 Athleten, darunter 2 Frauen durchpflügen von nun an für 3 und teilweise deutlich mehr Stunden das Wasser.

Auf Bahn 1 schwimmend, versuche ich diesmal gar nicht mehr das hohe Tempo der starken Schwimmer um Paul Thompson und Fabrice Lucas mitzugehen, sondern ziehe mein Ding durch. Zu müde fühle ich mich noch von Frankfurt und den Wettkämpfen zuvor. Trotz allem bin ich zunächst noch auf Kurs Bestzeit, obwohl ich den größten Teil ohne Wasserschatten zu Recht kommen muss. Nach 228 Bahnen schlage ich als 5., sogar einen Platz besser als in den beiden vorangegangenen Jahren, an. Meine Zeit von rund 3:16 Stunden liegt 6 Minuten über der von 2010, aber auch 7 Minuten unter der von 2009. Einmal mehr wird deutlich wie wenig Aussagekraft Platzierungen haben.

Auf dem Rad läuft es zunächst wie erwartet. Ich bin mit 27 km/h langsam aber stetig unterwegs. Heftiger Wind auf der 8 km langen Runde nach Beschendorf und zurück zum Schützenplatz erschwert diesen Teil zusätzlich. Ich hoffe auf die Nacht sowie nachlassende Winde und strenge mich erst gar nicht, an Aeolus zu trotzen. Der Kraftverlust um den Schnitt mit Gewalt zu halten wäre einfach zu groß. Die ersten 180 km erreiche ich nach rund 6:30 bzw. gesamt nach 10:00 Stunden. An diesem Punkt denke ich daran, dass ich an guten Tagen bei einer normalen Langdistanz jetzt schon fertig wäre. Hier und jetzt stehen noch 360 km auf dem Rad und 3 Marathons aus – eigentlich ein totaler Wahnsinn.

Neben Kartoffelbrei mit Hackfleisch esse ich viel Obst; am Abend genehmige ich mir eine Dreiviertelpizza. Dabei lasse ich mir in jeder Runde ein Stück reichen, um Zeit zu sparen und im Rhythmus zu bleiben. So wenig Pausen wie möglich machen - am besten gar nicht schlafen ist meine Devise. Cola und Iso trinke ich in stetem Wechsel.

Ich fahre weiterhin nahezu konstant mein Tempo. Dabei werde ich von den Führenden Thompson (schnellster Schwimmer), Behrends, Laudenbacher und Co. gefühlte 8 bis 12 Mal überrundet. Entgegen meiner Hoffnung legt sich der starke Wind in der Nacht leider nicht. Die nächste Schwelle der psychologischen Hürden, nämlich Runde 45 (=360 km), erreiche ich trotzdem nach weiteren 7 Stunden und liege somit voll im Soll. In der Zeit ist die Umziehpause auf die Nachtklamotten mit eingerechnet.

Nun hangele ich mich zu Runde 50, danach zu Runde 57. Der obligatorische Regen darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Regenjacke angezogen und weiter geht’s bei immer widrigeren Bedingungen. Jetzt sind es nur noch 10 Runden! Die Morgendämmerung setzt ein. Das nächste Ziel, Runde 60, muss ich allerdings aufschieben. Die Müdigkeit treibt mich exakt wie im Vorjahr nach Runde 59 und gefahrenen 476 km ins Auto, um zu schlafen.

Zuvor wäre es fast passiert, wovor sich jeder Athlet fürchtet: Einschlafen auf dem Rad. Beim Abwärtsfahren lasse ich mein Rad kurz rollen und vergesse einfach weiterzukurbeln. Erst kurz vorm Umfallen trete ich aufgeschreckt und gedankenschnell wieder an – Glück gehabt. Den Kreisel auf dem Rückweg konnte ich die Runden zuvor auch schon nicht mehr richtig anfahren; so fuhr ich einmal innen über den flachen Bordstein, einmal kam ich den Heuballen außen gefährlich nahe. Meine Entscheidung den Zeitverlust durch Schlafen in kauf zu nehmen ist richtig, denn auch dieses Jahr widerfährt einem Athleten genau dieses Schicksal - Rennaufgabe!

Nach 75 Minuten Schlaf kehre ich zurück auf den Asphalt. Es ist immer wieder faszinierend, wie gut man sich in etwas mehr als einer Stunde erholen kann. Mittlerweile ist es natürlich auch hell. Die letzten 8 Runden nehme ich genauso schnell, wie zu Beginn des Rennens. So komme ich nach rund 23 Stunden Fahrzeit um 9:15 Uhr morgens in die Wechselzone auf den Schützenplatz, der Drehscheibe des Wettkampfes.

Nadine und Caro erwarten mich schon, um mir mein Rad abzunehmen bzw. beim Wechseln der Klamotten behilflich zu sein, was bei den Ultra-Veranstaltungen per Regelwerk erlaubt ist. So gehe ich auf Position 10 liegend am Samstagmorgen auf die Laufstrecke, welche auf einem 1,319 km langen Kurs rund um die Schule, den Sport- sowie besagten Schützenplatz führt.

Abzüglich der Wechselzeit benötige ich für die ersten 32 Runden bzw. den 1. Marathon rund 4:30 Stunden. Es läuft rund; für mich eine gute Zeit und insgesamt die Drittbeste für das erste Drittel. Die Sonne scheint, es kann also nichts mehr schiefgehen. Seit Runde 11 liege ich auf dem 7 Platz, den ich sogar bis Ende des 2. Marathons halten kann, obwohl ich zwischendurch telefonisch die Übergabe meiner bisherigen Wohnung regele oder auch interessierten Freunden aus erster Hand meinen körperlichen Zustand übermittele.

Dieser ist mittlerweile jenseits von Gut und Böse; teilweise laufe ich schon Schlangenlinien. Für eine neue Bestzeit sollte es sowieso nicht mehr reichen, was eigentlich nach dem Ironman am vergangenen Wochenende abzusehen war. Trotzdem habe ich es versucht – leider vergebens. Im Massagezelt gönne ich mir zunächst eine weitere Stunde Schlaf. In dieser Zeit zieht ein gewaltiges Unwetter auf und überschwemmt zunehmend den Platz.

Als ich nach einer Stunde vom Prasseln auf das Zeltdach aufwache, höre ich wie Mitstreiter durch das knöchelhohe Wasser waten. Meine Motivation sinkt auf einer Skala von 0 bis 10 auf „minus 1000“ – ich drehe mich um und schlafe weiter. Nach über 6 Stunden kehre ich für den letzten Halbmarathon auf die Strecke zurück.

Das Hungergefühl ist nun auch wieder zurückgekehrt und zwar nach etwas Herzhaftem. So lasse ich mir auf der 94. Und 95. Runde jeweils eine Tasse Gulaschsuppe anreichen – lecker. Die 96. und einzig schöne Runde wird traditionell in entgegengesetzter Richtung gelaufen, um sich zum einen von seinen noch auf der befindlichen Strecke beglückwünschen zu lassen und zu anderen sich von ihnen verabschieden zu können.

Ich kenne das Gefühl zwar schon, aber es ist auch diesmal wieder unbeschreiblich toll. Nach etwas mehr als 50 Stunden habe ich das Martyrium in drei Akten erfolgreich hinter mich gebracht, was Platz 19 bedeutet. Mit Caro, die mich den ganzen Wettkampf hindurch umsorgte, geht’s ins Ziel.

Mit der Siegerehrung findet der 25. Triple-Ultra-Triathlon am frühen Abend sein Ende. Dass dies ein harter Wettkampf ist, der einem körperlich und mental alles abverlangt zeigt sich am Beispiel des letzten Finishers Matsuhisa Van. So ist er die kompletten 126,6 km gegangen, da er nicht laufen konnte, immer in dem Bewusstsein, dass er das Zeitlimit von 58 Stunden vielleicht nicht schaffen könnte. Sein Stehvermögen wurde belohnt. Nach 26 Stunden „Gehzeit“ erreichte er rund 50 Minuten vor dem Cut Off den Zielstrich. 9 von 47 (19%) Startern kamen nicht im Ziel an.

Aus unserem Ultra-Fun-Team erreichen Roland Patzina nach 54:20 Stunden zum neunen Mal in Folge, Steffen Schelenz nach 55:30 Stunden und Martin Schytil nach 56:30 Stunden das Ziel.

Mit dem obligatorischem Abendessen zusammen mit unseren Helfern geht eine wieder einmal fantastische Woche zu Ende. Meine 4 Langdistanzen in einer Woche beendete ich erfolgreich. So steht meinem nächsten Ziel, eine 10-fache Langdistanz anzugehen, nichts mehr im Wege…

Bedanken möchte ich mich bei/für:
• Caro für die komplette Versorgung im Wettkampf und die Tage zuvor
• Nadine, Heiko, Daniela, Hartmut und Margret für das „Rundum-Sorglos-Paket“ für die Dauer unseres Aufenthaltes
• Familie Schikorr für den Grillabend
• Caro für die Zwischenberichte via Facebook
• die Unterstützung per Handy, E-Mail, und sozialen Medien durch mir nahestehende Personen
• die Anfeuerung an der Strecke durch Zuschauer und auf der Strecke durch Mitstreiter
• Fotoservice durch Caro, Daniela, Nadine, Maja, Heiko, Jörg
• dem Veranstalter, Organisator und Helfern für einen tollen Wettkampf