Triple Ultra Triathlon WM 30.07.-01.08.2010 in Lensahn

Nach der Langdistanz ist vor der dreifachen Langdistanz! Die knapp drei Wochen zwischen den Starts beim Ironman in Frankfurt und beim Ultra-Triple-Triathlon in Lensahn nutze ich zunächst mit Schwimmeinheiten und langsamen Läufen zur Regeneration.

Am Sonntag vor dem Wettkampf starten Daniela, Steffen und ich nach Schleswig-Holstein durch, wo wir am frühen Abend eintreffen. Der Hausmeister der Schule weist uns je ein Klassenzimmer zu. Wollte man in früheren Jahren von Schule nichts wissen, so ist diese nun gar ein willkommenes zu Hause – zumindest vorübergehend. Fix eingerichtet, beschließen wir den Tag mit Nadine, Heiko und Margret, also einem Teil unserer Helfer, mit einem gemeinsamen Essen.

Während der Tage bis zum Wettkampf steht das übliche Programm an. Verpflegung für die Tage bis zum Triathlon und natürlich für die Veranstaltung selbst kaufen; lockeres Training bei gleichzeitiger Besichtigung der Rad- und Laufstrecke. Am Dienstag interviewt ein Mitarbeiter von ZDF online Steffen und mich über die Gründe, an einem solchen Wettkampf teilzunehmen. Nach der Wettkampfbesprechung am Mittwoch müssen alle Starter direkt zur Doping-Kontrolle, denn Lensahn ist in diesem Jahr Austragungsort der Weltmeisterschaft. Donnerstag Morgen feiern wir Nadines Geburtstag mit einem Frühstück im Lehrerzimmer. Am Abend findet die offizielle Vorstellung aller Teilnehmer statt - Hierbei übergibt der Veranstalter allen Athleten ihre jeweiligen Starterbeutel. Im Anschluss daran findet die obligatorische Pasta Party statt. Die Tage vergehen mal wieder wie im Fluge.

Freitag - Renntag! Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Frühstücken, Rad präparieren, Badehose und Neopren bis über den Bobbes anziehen sind einige der nächsten Schritte. Um 6.30 treffen Steffen, ich und unser Team in der Wechselzone im Schwimmbad ein. Hier richten wir unsere Dinge und ruck zuck ist es 7.00 Uhr. Kurz nach den Segensworten des Pfarrers erfolgt der Startschuss. Auf Bahn 1 schwimmt Heiko Stokloßa vom Start weg in einer eigenen Liga. Lange Zeit kann ich die Gruppe um Harald Osswald, dem besten Schwimmer des Vorjahres, Pascal Correc und Kim Greisen halten. Es läuft phantastisch für mich. Alle Zwischenzeiten deuten auf eine neue Bestzeit hin. Die Gruppe verliere ich erst, als ich nach ca. 7 Kilometern meine Schwimmbrille leeren muss. Die letzen Bahnen muss ich somit meist ohne Wasserschatten durchs Wasser pflügen.

Im Augenwinkel sehe ich die schnellsten Schwimmer nach und nach dem Becken entsteigen. "Dann kann es auch für mich nicht mehr lange dauern". Die Uhr stoppe ich als 6. nach rund 3:10 Stunden. Immerhin 13 Minuten besser als im Vorjahr aber bei gleicher Platzierung. Das Niveau bei einer WM ist eben nochmals deutlich höher. Aber so kann es weitergehen. Stokloßa, der beste Schwimmer, benötigt für die 228 Bahnen rund 2:57 Stunden.

Nadine begleitet mich in die Wechselzone. Während ich mich aus meinem Neo pelle, gebe ich noch ein Kurzinterview für den NDR über das Geschehen der letzten rund 3 Stunden. Mein Wechsel erfolgt ruhig, denn in der Gesamtzeit fallen 5 Minuten mehr oder weniger sicherlich nicht auf. Trotz allem bin ich mit insgesamt 8 Minuten deutlich schneller als im Vorjahr, da ich diesmal aufs Duschen verzichte. Mit dem Radel in der Hand geht es aus dem Schwimmbad hinaus auf die Straße. 540 Kilometer auf 67 Runden aufgeteilt stehen bevor.

Für dieses Jahr habe ich meine Taktik geändert, nachdem ich mögliche Gründe für das gute Abschneiden von Guy Rossi in den Vorjahren ausgemacht zu haben glaube. Ein gewichtiger Grund ist mit Sicherheit die Erfahrung des 62-Jährigen. Daran kann ich nichts ändern; nur probieren und dazu lernen. Sportlich sollte ich ihm überlegen sein. Seine Rad- und Laufzeiten sind langsam, aber konstant. Dies ist mit Sicherheit ein Schlüssel, die Distanz trotz des Schlafentzugs verbunden mit der Anstrengung in einem Zug durchfahren bzw. durchlaufen zu können. Somit plane ich jeden 180-KM-Abschnitt in einem 27er-Schnitt zu fahren und auf längere Pausen, die den Rhythmus unangenehm brechen, soweit wie möglich zu verzichten. Dies würde auf eine Netto-Radzeit von 20 Stunden hinauslaufen, was einer der vorderen Plätze bedeuten würde. Letztes Jahr benötigte ich zum Vergleich rund 25 Stunden.

Geplant – getan!? Den Rhythmus für einen 27er-Schnitt auf einer nahezu ebenen Strecke zu finden ist alles andere als leicht. Ständig muss ich mich bremsen – ertappe mich, wie ich deutlich über 30 km/h fahre. Jetzt Kraft sparen, um in der Nacht auch noch ordentlich fahren zu können ist die Devise, die ich mir stetig einreden muss – eine mentale Herausforderung. Schließlich fahre ich den ersten Abschnitt in einem Schnitt von 28,6 km/h. „Egal, die Nacht wird das schon regeln“, denke ich – „weiter geht’s“. Und langsam nähere ich mich auch meinem angestrebten Ziel an.

Es ist kühl. Nach und nach ziehe ich mir Arm- und Beinlinge an und präpariere meinen Helm mit einem Windschutz. Zudem stöpsel ich mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren, um diese vor dem starken Seitenwind zu schützen. Während dieser Pausen bekomme ich einen Teil der Zuschriften aus dem Gästebuch der Internetseite vorgelesen. Vielen Dank an dieser Stelle für die motivierenden Worte. Gut gelaunt und zufrieden nehme ich Runde um Runde. Ab und an überholen mich die Führenden Stokloßa, Greisen und Brennwald die einen mörderischen Schnitt – deutlich über 30 km/h - treten.

Kurze Gespräche mit den Mitstreitern brechen die Einsamkeit auf der Strecke. Die Bedingungen sind hervorragend, da es nicht regnet und angenehm warm ist. Nur der Wind bläst einen, gerade wenn man hinter einer Böschung hervorkommt und nicht daran denkt gegenzuhalten, teilweise in die Straßenmitte. Der Wind legt sich allerdings in der Nacht. Den 2. Abschnitt schaffe ich fast zielgenau in einem 26,7er-Schnitt – bin also voll im Soll. Es ist ca. 23.30 Uhr als ich das 45. Mal über die Zeitmessmatten auf dem Schützenplatz fahre.

Viele Abschnitte auf der Strecke sind mittlerweile stockfinster. Anhaltspunkte sind neben dem eigenen Licht nur noch die Lichtkegel der entgegenkommenden Mitstreiter sowie ab und an die Scheinwerfer der beiden Service-Fahrzeuge. Mit Cola und Musik im Ohr halte ich mich erfolgreich wach. Anders sollte es gerade meinem Vorbild Guy Rossi ergehen. Er schläft tatsächlich auf dem Rad ein und fällt in einen Graben. Zum ersten Mal in seinem Leben gibt er leicht verletzt einen Wettkampf auf.

Bei mir ist es genau umgedreht. Irgendwann zwischen 2.00 und 3.00 Uhr kann ich das Tempo, euphorisiert durch was auch immer, deutlich forcieren. Ich hole mir sogar Runden von Fahrern zurück, die mich mehrfach während der letzten 10 Stunden überholten. Lange sollte dieser Schub natürlich nicht anhalten. Es folgt das Loch. So sinkt mein Rundenschnitt deutlich – aber der Weg ist auch nicht mehr weit. „Ich muss nur noch irgendwie ins Dämmerlicht kommen – dann schaffe ich es ohne Schlafpause“.

Und tatsächlich kann ich am Horizont ganz langsam den ersten Sonneneinfall wahrnehmen. Während einer weiteren kurzen Pause am Helferzelt, bin ich zu lange aus den Pedalen ausgeklickt. Die ein bis zwei Minuten reichten um meinen Kreislauf soweit absacken zu lassen, dass mich meine Helfer festhalten müssen, damit ich nicht umkippe. Ich muss mich leider doch hinsetzen, was schließlich in einer Stunde Schlaf mündet. Im Stuhl fällt mir der Kopf zurück und schon bin ich weg. Mit Helm und allem drum und dran wache ich auch wieder auf. Ein gutes hat es: Es ist taghell.

8 Runden oder etwas mehr als 64 KM haben mir zum Durchfahren gefehlt. Die Körpertemperatur ist unten und auf der Strecke ist es natürlich auch kühl. Die ersten beiden Runden sind schwierig. Die Muskeln sind angestrengt und kalt. Aber auch diesen Weg lege ich noch zurück. Insgesamt habe ich für den Radabschnitt knapp 22 Stunden gebraucht. Als 17. komme ich zur Wechselbank auf dem Schützenplatz. Die Schlafpause hatte mich satte 9. Plätze gekostet. Obwohl ich mein Ziel leicht verfehle, kann ich dennoch festhalten, dass ich meine Radzeit gegenüber dem Vorjahr um rund 3 Stunden verbessern konnte.

Es ist 8.00 morgens und die Sonne lacht. Besonders für mich, denn jetzt kommt meine Lieblingsdisziplin. Fürs Laufen habe ich mir taktisch nichts vorgenommen, außer durchzulaufen, was an sich schon nicht leicht ist. Aber was der alte Mann Guy Rossi kann, sollte mir doch auch gelingen? Schon auf den ersten Runden schlage ich ein deutlich höheres Tempo an, als meine Mitstreiter. So kann ich schon auf dem ersten Halbmarathon (16 Runden) zahlreiche Plätze gutmachen und finde mich auf Platz 9 wieder.

Meine Rundenzeiten liegen auf dem Weg zum ersten Marathon zwischen 7.20 und 8.00 Minuten was einem Schnitt zwischen 5.35 und 6.05 Minuten pro Kilometer entspricht. So muss ich tatsächlich die letzten Meter bis zur Zeitnahme sprinten, um noch unter 4 Stunden zu bleiben. Dies gelingt mir nach handgestoppten 3:59.59 Stunden auch und soll, laut dem Veranstalter, Wolfgang Kulow, einer der schnellsten Marathons überhaupt in Lensahn gewesen sein. In der offiziellen Zeitmessung steckt leider noch die Wechselzeit drinnen. Diese 4:08.55 Stunden für 32 Runden sollten trotzdem zum zweitschnellsten Marathon der Veranstaltung reichen.

Nach einem weiteren Halbmarathon bin ich auf dem 6. Platz, den Fünftplatzierten schon fest im Blick. Mein Team teilt mir mit, dass Heiko Stokloßa angeblich aufgegeben haben soll und ich somit schon 5. sei. „Wer ist liegt auf Platz 3?“ „Jens Laudenbacher“, bekomme ich von meinem Team zugerufen. Unglaublich – ging ich doch mit 25 Runden (entspricht ca.33 KM) Rückstand auf ihn auf die Laufstrecke. Nochmals ziehe ich das Tempo an, setze alles auf eine Karte. Ein riskantes Unterfangen, da ich aufgrund der Dauerbelastung schon leichte Schmerzen im Magen spüre. Aber nicht zu versuchen, den 3. Platz zu erreichen, würde ich mir ewig vorwerfen.

Den bis dahin 4. fange ich schnell ein, aber Laudenbacher ist ein erfahrener Athlet, der die letzten Runden viel Kraft gespart hatte, wohlwissend, dass nach vorne nichts mehr geht und nach hinten genug Luft ist. Nachdem ich den Abstand auf 4 Runden minimierte, kommt es wie befürchtet. Laudenbacher zieht das Tempo wieder deutlich an und holt sich eine Runde zurück.

Der Weltmeister steht mittlerweile auch fest. Adrian Brennwald siegt in einer Zeit von rund 33:30 Stunden. Stokloßa ist nach einer Pause von 3 Stunden wieder zurück auf der Laufstrecke. Was sich schon seit geraumer Zeit andeutete wird jetzt deutlich spürbar. Mein Magen streikt - ich bekomme kaum noch etwas herunter. Spätestens jetzt hat sich das Thema Podiumsplatz erledigt.

Immer öfter muss ich vom Laufen zum Gehen wechseln bis ich schließlich 20 Runden vor Schluss eine Pause einlegen muss. So versuche ich meinen Magen mit warmer Brühe zu beruhigen. Dazu genehmige ich mir noch eine Mütze Schlaf. Eine Stunde später beginne ich wieder zu laufen, aber mein Magen soll sich einfach nicht mehr beruhigen. Den größten Teil der Runden gehe ich nur noch und 10 Runden vor Schluss muss ich mich wieder hinlegen und meinen Magen mit warmer Brühe beruhigen. Mittlerweile bin ich auf Platz 11 abgerutscht, was nun aber auch nicht mehr so wichtig ist, denn jetzt steht nur noch das erfolgreiche Beenden des Wettkampfes im Vordergrund.

Gehend lege ich die letzten Runden, von Nadine auf dem Rad begleitet, zurück. So rächt sich mein Mut den Podiumsplatz zu erlangen auf ganz bittere Weise. Magenprobleme während eines Wettkampfes sind für mich bis dahin unbekannt gewesen. Der Versuch mich auf der Strecke zu übergeben scheitert allein daran, dass sich im Magen so gut wie nichts befindet. So mühe ich mich Runde für Runde bis zur letzten vorwärts.

Nur noch eine Runde - 1,319 KM -, aber diesmal in die schöne Richtung, nämlich traditionell entgegen der eigentlichen Laufrichtung. Hier verabschiedet man sich von allen, die noch auf der Laufstrecke sind. Der Brite Dave Clamp läuft noch auf mich auf und gemeinsam mit Teilen unserer Helfer gehen wir die letzte Runde lächelnd dem Ziel entgegen. Nach 43:36:30 überschreiten wir als 11. mit unseren Landesfahnen in der Hand den Zielstrich. Es ist kurz nach 2.30 Uhr - geschafft!

Nach dem Zielfoto mit meinem Team folgt der Gang zur Massage. Den Zieleinlauf von Steffen verschlafe ich leider. Er beendet den Wettkampf ebenfalls in neuer Bestzeit nach rund 45:30 Stunden auf Platz 16.

Fazit: Ich bin rund 6 Stunden und 7 Plätze besser als im Vorjahr. Cola wird zu Unrecht verteufelt. Kartoffelpüree in Tüten schmeckt nicht. Man sollte nicht zu viel wollen, obwohl ich es genau so wieder tun würde, denn schlimmer wäre, nicht versucht zu haben, einen Podiumsplatz bei einer Weltmeisterschaft zu erlangen. Steffen, Roland und ich haben mit Nadine, Daniela, Ilana, Margret, Caro, Heiko, Nils und Hartmut ein starkes Team zur „Rundum-Sorglos-Betreuung“. Der Wettkampf ist immer wieder ein tolles Erlebnis, seitens der Organisation, der Athleten sowie der Zuschauer und die letzte Runde emotional überwältigend.

Frisch geduscht und ausgeschlafen sehe ich den letzten Athleten zu, wie sie das Ziel erreichen. Die einen voller Stolz, die anderen zu Tränen gerührt. Mit der Siegerehrung am frühen Abend findet ein anstrengender aber reizvoller Triathlon über insgesamt 678 Kilometer sein Ende. Den Sonntag beschließen Steffen und ich mit unserem Team wie unseren Ankunftstag - mit einem gemeinsamen Essen. Auf ein neues im nächsten Jahr.