Fünf Jahre Ultratriathlon - sportliche Höchstleistung - Emotionen pur

Dieses Jahr durfte ich beim Triple-Ultra-Triathlon in Lensahn die Startnummer mit der 1 tragen. Welche Ehre mir damit zuteil geworden ist, versteht wahrscheinlich nur, wer den Athleten während der 11,4 km Schwimmen, 540 km Radfahren und den abschließenden 126,6 km - am Stück versteht sich - in die Gesichter sehen kann.

Gesichter, die von sportlicher Anstrengung, Müdigkeit, mentaler Zerrissenheit - gleichzeitig aber auch von Stärke, Zuversicht und Willen gezeichnet sind. Gesichter voll überschwappender, grenzenloser Freude im Zielbereich. Für mich ist es ein Privileg den Sport betreiben zu können und zu dürfen. Eine Selbstverständlichkeit, das Ziel zu erreichen gibt es nicht. Von Jahr zu Jahr ist es eine erneute Herausforderung, Geist und Körper bei Tag und bei Nacht während extremer Hitze oder Regen zu bezwingen.

Woran ich 2009 nicht mal im Traum zu denken gewagt hatte, wurde 2013 bei meinem 5. Start in Folge Gewissheit. Als Führender durfte ich mit Betreuerin Nadine in die letzte der 96 Laufrunden gehen, traditionell entgegengesetzt, damit man sich von allen Mitstreitern verabschieden kann. Endorphine auf dem Siedepunkt, Nadine ballt die Fäuste für mich, da ich dafür schon zu schwach war, unser Team klatscht uns ab und dann kommt es: Athleten, die ebenso Siegchancen hatten, herzen mich, freuen sich gar mit mir - eine unbezahlbare, schöne Erfahrung.

Eine sehr lange, aber unglaublich emotionale Runde beenden wir nach 38 Stunden und 4 Sekunden voller Anstrengung und Leidenschaft im Ziel. Einmal im Leben den Platz an der Sonne innehaben - für mich ist der Traum wahr geworden. Es gibt einfach Tage, an denen ist das Schicksal mehr als nur ein Freund und ich habe wieder eine Lektion gelernt: Man hat immer eine Chance!

Meine erste Ultra-Distanz 2009 im schleswig-holsteinischen Lensahn war der Einstieg in eine ganz andere Triathlonwelt. Doch wie kam es dazu? Bei meiner ersten Teilnahme am Ironman in Frankfurt 2007 konnte ich mein Ziel, unter 12 Stunden zu bleiben, bei Weitem unterbieten. Nach einem für die Sinne gigantischen Zieleinlauf fragte ich mich nur wenige Tage später, ob das schon alles sei. Was machst Du nun? Gibt es nicht noch etwas "Größeres", denn erschöpft war ich im Ziel nicht, höchstens maximal überwältigt.

Schnell wurde ich im Internet fündig: Double- und Triple-Ultra-Triathlon standen zur Auswahl. Ich konnte selbst nicht glauben, was ich da tat, stellt doch schon jede einzelne Disziplin beim Ironman für die meisten Menschen ein unüberwindbares Hindernis dar. Den Double-Ultra-Triathlon hakte ich gedanklich ab. 7,6 km Schwimmen – kein Problem. 360 km Radeln – kein Problem, das machst du fast im Training. 84,4 km Laufen – kein Problem, das kann ich.

In mir manifestierte sich die Idee gleich die 3-fache Langdistanz in Angriff zu nehmen. Nur wie um Gottes willen soll ich 540 km, immerhin eine Strecke von Frankfurt bis nach Lübeck, so bewältigen, dass ich danach auch noch die 3 Marathons laufen kann? Rückblickend kann ich nun sagen, dass ich hier zum ersten Mal im Kopf eine Grenze überschritt. Heute weiß ich, dass Grenzen nur im Kopf entstehen.

Glückliche Umstände ließen mich Steffen Schelenz kennenlernen, einen mehrfachen Ultra-Finisher. Er sagte mir den wichtigen und entscheidenden Satz: "Du musst die Dinge nur langsam genug machen, dann schaffst du sie auch." Er sagte aber auch: "Double is Fun – Triple is Fight!" Der letzte Startplatz für das mögliche Unmögliche war meiner. Steffen führte mich auch in das Team um Nadine ein, welches mich noch heute betreut.

Und siehe da: Wenn man die Dinge erst einmal tut, sind sie gar nicht mehr so schwierig. Der Kopf macht uns stetig einen Strich durch die Rechnung, lässt einen an der eigenen Stärke zweifeln. Schwimmen und Radeln, die Disziplin vor der ich richtig Angst hatte, liefen gut. Das Laufen, eigentlich meine Paradedisziplin, war die mentale Prüfung. Mit entzündetem Schleimbeutel und bandagiertem Knie quälte ich mich großenteils gehend über die Strecke.

Exakt nach dem zweiten Marathon in der Nacht von Samstag auf Sonntag folgte der mentale Test. Während eines Verpflegungsstopps schlief ich beim Essen gar im Sitzen ein. Eine Ohrfeige von Betreuerin Judith weckte mich. Was nun? Ich würde so gerne schlafen, ich habe Hunger, es ist kalt, es ist dunkel. Es gab mehr als genug Gründe nicht mehr weiterzulaufen. Laufe ich morgen, wenn ich nun schlafen gehe, noch den letzten Marathon? Was ist, wenn ich es gar nicht schaffe? Nein, mit dieser Schmach will ich nicht nach Hause kehren, hatte ich doch vollmundig angekündigt, dass ich einen Doppel-Ultra im Training machen würde und den "Triple" beenden werde. In diesem Bewusstsein zog ich die Daunenjacke wieder aus und lief los.

Der Mensch braucht nur Ziele, dann kann er fast alles schaffen. Von Nadine auf dem Fahrrad begleitet, kam ich Sonntagmorgen nach knapp 50 Stunden ins Ziel. Eine tränenreiche letzte Runde endete in Steffens Armen, der rund 2 Stunden vor mir im Ziel war und seitdem auf mich wartete. Mein erstes Statement: "Das mache ich nie wieder!" Sehr zur Freude meiner Helfer ist mir das bis heute kräftig misslungen. Eine neue Leidenschaft war geboren – Triple-Ultra-Triathlon! Nur 3 Tage später hatte ich mich für 2010 angemeldet.

Für mich ist dies die Herausforderung an Körper und Geist. Das stete suchen nach dem limitierenden Faktor macht dieses Unternehmen wahnsinnig spannend und sorgt für ungeahnte Emotionen bei Athleten und Helfern. Die Fairness der Athleten und Betreuer untereinander ist überwältigend. Wolfgang Kulow, Veranstalter des Triple, beschreibt dies immer mit den Worten: "Gegenseitiges Helfen unter extremen Anstrengungen."

So stürzte ein Athlet auf der Radstrecke, da er eingeschlafen war. Sofort kümmerten sich andere Athleten um ihn. Von einem weiteren bekam er ein Ersatzrad, damit er den Wettkampf beenden konnte. 2010 lief der Engländer Dave Clamp in der letzten Runde auf mich auf. Er überholte mich aber nicht, sondern lief mit mir gemeinsam ins Ziel. In diesem Jahr war ich die letzten 5 Runden gegangen, damit Teamkollege Stefan Chares auf mich auflaufen konnte. So war es uns möglich, gemeinsam mit unseren Betreuerinnen, Nadine und Ilana, ins Ziel zu "schweben" und hatten beide einen einstelligen Platz, nämlich den 9., inne. Keinen dieser ergreifenden Momente werde ich jemals vergessen - meine Betreuer auch nicht.

Nach zwei 3-fachen Langdistanzen folgte 2011 meine Premiere über die Doppel-Ultra-Distanz in Neulengbach/Österreich. Wie der Triple in 2010, bei dem ich meine Zeit zum Vorjahr um rund 6 Stunden verbessern konnte, wurde auch dieser Triathlon als Weltmeisterschaft ausgetragen. Vom Status beflügelt und getreu Steffens Motto, "Double is fun!", flog ich über die Distanzen nur so hinweg. Die letzte Runde, 620 Meter ins Glück, begleitet von Caro war der helle Wahnsinn. Unter 24 Stunden zu bleiben war mein Ziel; unter 23 Stunden war ich im Ziel. Dies bedeutete insgesamt Platz 6 und was ich gar nicht realisiert hatte rief mir Nadine zu: "Du bist bester Deutscher bei dieser WM."

Im Juli 2011 sollte ein weiteres ehrgeiziges Projekt folgen: Mein Start beim Ironman Frankfurt am Sonntag und gleich am Freitag darauf der Start beim Triple-Ultra-Triathlon in Lensahn; also 4 Langdistanzen in einer Woche. Wie zu vermuten war, waren beide Endzeiten die bislang langsamsten, dennoch überwog die Freude über das Erreichen beider Ziele.

Schon nach meinem ersten Triple-Finish 2009, sagte ich, dass es für mich aufgrund meines Leistungsstandes möglich sein muss, die 40-Stunden-Marke zu unterbieten. Genau dies sollte 2012 eintreten. An die letzten rund 8 Stunden habe ich kaum noch Erinnerungen, so weggetreten war ich. Streckenweise befand sich mein Körper in solch kritischem Zustand, dass meine Betreuer des Öfteren daran dachten, mich aus dem Rennen zu nehmen. Mitunter nicht mehr ansprechbar, nur noch auf dieses eine Ziel fokussiert, immer nur die Uhr hochrechnend im Blick, nahm ich Runde um Runde - mal laufend, mal gehend.

Mit letzter Kraft konnte ich gerade noch so die Landesfahne für die letzte Runde entgegen nehmen. Aus meinem Team setzte keiner mehr darauf, dass ich im Ziel stehen bleiben würde. Arzt und Trage standen schon bereit. Aber ich blieb stehen: 39 Stunden, 53 Minuten, 23 Sekunden, ohne Pause, ohne Schlaf. Ich war um eine weitere Erfahrung reicher, nämlich wie es ist, wenn man völlig leergelaufen ist und der Körper vom Geist bezwungen, nur noch zielorientiert arbeitet.

Beim Double-Ultra-Triathlon in Emsdetten 2013, der ersten Veranstaltung dieser Art in Deutschland, folgte ein Novum: Der Ausfall des Zeitmesssystems! Klar war nur, dass Richard Widmer deutlich in Führung lag. Gegen Ende beriet ich mich mit Thorsten Eckert, wer wohl von uns beiden den 2. Platz innehabe. Ein jeder war der Meinung, der andere sei eine Runde vor ihm. Also beschlossen wir einfach gemeinsam den Zielstrich zu überqueren. Sportliche Fairness unter extremen Bedingungen – hier wird sie gelebt.

Im slowenischen Murska Sobota fand in diesem Jahr die WM über die doppelte Ultra-Distanz statt. Begleitet wurden Stefan und ich von Nadine und Ilana, die neben uns auch den über 60-jährigen Manfred Matschke betreuten. Am Ende standen zwei WM-Titel in den jeweiligen Altersklassen für "Manni" und mich zu Buche. Daneben gewannen wir die Nationenwertung vor Kroatien und Ungarn. 2014 war ein tolles Jahr, gekrönt mit Titeln und fantastischen zwischenmenschlichen Erlebnissen. Wir sind ein tolles Team.

Fünf Jahre Ultratriathlon und ich bin immer noch, wie mein Team, voller Energie und Tatendrang. Bislang stehen 31 Langdistanzen in meiner Vita, mindestens 100 sollen es werden. Was macht Ultratriathlon so reizvoll? Das Ausloten der Grenzbereiche, die Suche nach dem Limit aber auch die gigantische Freude gemeinsam nahezu Unmögliches geschafft und erlebt zu haben findet man in dieser Sportart zuhauf.

Bilder wie Roland Patzinas letzte Runde bei seinem 12. Start während des Triples in Lensahn haben sich tief in mein Bewusstsein eingegraben. Roland, ein Mittvierziger, verheiratet und Vater von 3 Kindern läuft mir mit Tränen in den Augen entgegen: "Mark, ich hab’s geschafft." Damit meinte er seine neue Bestzeit von rund 49:30 Stunden. Für ihn stellte dies einen wahnsinnigen, nie für möglich gehaltenen Erfolg dar und ich konnte seine Glückshormone förmlich tanzen sehen.

Aber auch Bilder, wie die vom Schweden Kari Martens, der sich von Rückenschmerzen geplagt, über den Asphalt quälte. Zunächst noch aufrecht gehend, dann leicht nach vorne übergebeugt und die letzten 50 Kilometer das Gewicht seines Rumpfes mit den Händen auf den Knien abstützend. Aus Respekt hat niemand ein Foto von ihm geschossen, aber über seinen Zieleinlauf entbrannte bei allen grenzenlose Freude.

Beim Ultratriathlon lernt man sich für andere zu freuen, zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen. Zum Dank erhalten Athleten und Betreuer gleichermaßen Glückshormone im Übermaß – es sprengt einen förmlich. Oft wollte ich einfach nur die ganze Welt umarmen. Zudem lernt man die Kleinigkeiten und Selbstverständlichkeiten des Lebens zu schätzen. Eine wärmende Dusche, eine Zahnbürste, ein weiches Bett oder mit Messer und Gabel an einem Tisch zu essen erlangen einen zuvor kaum beachteten Stellenwert.

Erfolge:

  • Bei all der extremen Belastung gesund geblieben zu sein und auch die Gesundheit bei allem Ehrgeiz in den Vordergrund zu stellen.
  • Nicht dopen zu müssen, um erfolgreich Wettkämpfe bestreiten zu können. Dazu zähle ich auch die (prophylaktische) Einnahme von Schmerzmitteln.
  • Ein tolles Team um mich zu haben, dem ich blind vertrauen kann und das mich bei allen Wettkämpfen altruistisch unterstützte.
  • Das wohl größte Kompliment meines Teams, "Wo starten WIR nächstes Jahr?", wenn es dem Jahresende entgegen geht - für die Urlaubsplanung.
  • Kein DNF bei 4 Double- und 6 Triple-Ultra-Triathlons.
  • 6. Platz bei der Double Ultra-Triathlon WM in Neulengbach 2011; dabei bester Deutscher.
  • 2. Platz zusammen mit Thorsten Eckert beim Double-Ultra-Triathlon in Emsdetten 2013
  • Sieg in Lensahn beim Triple-Ultra-Triathlon 2013.
  • Weltmeister in meiner Altersklasse beim Double-Ultra-Triathlon in Murska Sobota 2014