Ironman EM 05.07.2009 in Frankfurt

Eine Vielzahl an Zielen habe ich mir in den Wochen vor meinem dritten Ironman überlegt - zum einen einfache Vorgaben, die leicht erreichbar sind, um mich während des Wettkampfes weiter motivieren zu können, zum anderen nahezu unerreichbare Zeiten, um für den Fall gewappnet zu sein, dass ich mich unterschätzt habe. Aber welche Gesamtzeit entspricht meinem derzeitigen Trainingsstand?

Ich gebe mir 9:40:00 Stunden vor, was eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr von ca. 20 Minuten entspricht. Was habe ich an meinem Training im Vergleich zum Vorjahr geändert? Da ich mich auf gleich zwei Höhepunkte innerhalb von drei Wochen (der Triple-Ultra-Triathlon in Lensahn Ende Juli steht noch aus) vorbereiten musste, welche mit unterschiedlichen Intensitäten und Umfängen angegangen werden, ist eine gezielte Vorbereitung kaum möglich. Dies stellt aber nicht unbedingt ein Nachteil dar. So wechselte ich stetig kurze intensive mit langen Kraftausdauereinheiten ab. Nach letzteren folgte immer eine Pause von mindestens einem Tag. So schwamm ich beispielsweise auch mal 12 Kilometer im Neopren-Anzug oder lief einen Doppel-Marathon als Trainingseinheit.

Der Veranstalter hat mich mit in die erste Startgruppe aufgenommen. In dieser befinden sich neben den Profis ca. 300 Altersklassenathleten, welche um die WM-Qualifikation für Hawaii kämpfen und daher unter besonderer Beobachtung der Wettkampfrichter stehen, was das Windschattenfahren angeht. Wie kommt man in diese Gruppe? Die bisher erzielten Gesamtzeiten, nicht die Schwimmzeit allein, sind hierfür ausschlaggebend. Ich verspreche mir durch den Start um 6.45 Uhr deutlich weniger Prügelei und vor allem gute Schwimmer vor mir, in deren Wasserschatten ich Kraft sparen kann.

Zumindest meine erste Annahme wird sofort bestätigt. Vom Startschuss weg kann ich mich frei durchs Wasser ziehen. An den Wendebojen wird es kurzzeitig enger, aber ich habe enorm viel Platz nach links und rechts. Zudem finde ich schnell eine Gruppe an die ich mich hängen kann. Den kompletten Kurs schwimme ich im Zweier-Zug, um das für mich hohe Tempo meiner Vorderleute mitgehen zu können.

Der Landgang nach ca. 2,4 Kilometern wird fast zu einem Fiasko. Ich bekomme meinen Körper kaum auf die Beine, an schnelles Laufen ist nicht zu denken. Der Puls ist enorm hoch - mein Gleichgewichtssinn irgendwo im Nirwana. Während der 20 Meter durch den Sand merke ich auch warum. Die Brühe, die im Neopren-Anzug nun innen herunterläuft ist zumindest gefühlt kurz vorm Siedepunkt. Einige Schwimmer um mich herum haben sich entgegen dem Reglement ihrer Badekappen entledigt, damit wenigstens über den Kopf ein wenig der Hitze entweichen kann. Die vom Veranstalter angegebenen 24,5 Grad Celsius Wassertemperatur können nicht richtig sein – wie später auch von zahlreichen anderen Sportlern beklagt wird.

Weiter geht's! Ich bin froh wieder im Wasser zu sein. Die Gruppe ist mittlerweile gesprengt – nun ist es ziemlich einsam. Ich behalte den Zweier-Zug bei, immer verbunden mit der Hoffnung doch wieder Anschluss an eine Gruppe vor mir herstellen zu können. Leider vergebens - den zweiten Abschnitt muss ich komplett allein schwimmen. Trotz allem habe ich meine Bestzeit wieder unterboten. Nach exakt 57 Minuten entsteige ich dem Wasser und kämpfe mich den sandigen Anstieg hinauf in die Wechselzone.

Am Rad angekommen, geht alles seinen gewohnten Gang. Hendrik, mein "Wechselzonen-Nachbar" der letzten zwei Jahre, kommt kurz darauf an. Wir haben noch die Zeit für einen kurzen Plausch während dem Aufsetzen von Helm und Brille sowie dem Umhängen der Startnummer. Mit dem Rad in der Hand geht es aus der Wechselzone heraus, bis zur Markierung, die einem das Aufsitzen erlaubt.

Ab geht die Post von Langen nach Frankfurt. Nach wenigen Kilometern erhalte ich schon die erste Unterstützung. Alex aus unserer Rennradgruppe steht an der B44 und macht sich lautstark bemerkbar. Mental kommt nun der schwierige Teil für mich, da das Radfahren meine schwächste Disziplin ist. Ich rechne mir in ungefähr aus, dass ich von den ersten 7:00-Uhr-Startern nach etwa 80-100 Kilometern überholt werde. Tatsächlich erhalte ich die erste "Ohrfeige" schon nach 30 Kilometern am Hühnerberg. Im "nähmaschinenstil" lässt der gute Mann mit einer hohen Startnummer, Kennzeichen für die 2. Startgruppe, mich und alle anderen förmlich stehen. "Das kann doch nicht wahr sein.", denke ich.

Neben einer zumindest nicht schlechten Schwimmzeit bin ich bis dahin immerhin mit einem 36er-Schnitt unterwegs und habe trotzdem schon eine Viertelstunde eingebüßt. Ich hatte mich ja auf diese Augenblicke vorbereitet und mir gesagt, dass ich alle, die mich auf dem Rad überholen, locker wieder beim Laufen einhole. Aber nach 30 Kilometern schon eine solche Klatsche. Von nun an geht mein Blick immer zuerst auf die Startnummer derjenigen, die mich überholen. Es dauert auch nicht lange bis ein weiterer Athlet mit einer Startnummer aus der zweiten Gruppe an mir vorbeizieht. Ich gewöhne mich daran und halte geistig dagegen, da ich in meinem Plan bin. Was bleibt mir auch anderes übrig? "Im Laufen bin ich stark und werde sie alle auf der Laufstrecke wieder einfangen!"

Ich fahre in einer Gruppe mit zwei Frauen und zwei Männern. Wir wechseln ständig mit der Führungsarbeit, ohne dabei gegen die Windschattenregel zu verstoßen, bis ich in der zweiten Runde den Männern nicht mehr folgen kann, aber für die Frauen zu schnell bin. Von nun an fahre ich bis kurz vor Ende der Strecke auf mich allein gestellt. Unterwegs bekomme ich vom Streckenrand noch Unterstützung von Gianfranco und Alex bis ich mit einer größeren Gruppe nach 5:19.09 in die Wechselzone komme. Die Helfer sind aufgrund der vielen gleichzeitig eintreffenden Athleten völlig überfordert. Ich muss mir meinen Beutel selbst am Ständer heraussuchen und meine Utensilien im Zelt wieder zusammenpacken. Egal, denn jetzt kommt meine Parade-Disziplin.

Kappe auf und raus aus dem Zelt. Die Zuschauer stehen dicht an dicht und treiben ein jeden das Mainufer entlang. Hier vernünftig zu sein, und ein Tempo anzuschlagen, welches man auch durchhalten kann ist nicht einfach. Zudem stellt sich das Auge vom Radfahren zum Laufen nicht so schnell um. Mit 3:48 Minuten auf dem ersten Kilometer bin ich deutlich zu schnell unterwegs und trotzdem der Meinung, wesentlich langsamer gewesen zu sein. Ich passe mein Tempo Kilometer für Kilometer meinem Leistungsniveau an. Trotzdem fange ich einen nach dem anderen auf dem Asphalt ein. Auf der Sachsenhäuser Seite feuern mich Alex, Tinka, Judith, Michael und Bianca an, auf der anderen Seite Carola, Anja, Stefan und Gianfranco an.

Die Strecke ist noch relativ leer. So komme ich auch ohne Probleme an die Verpflegungsstände heran. Dies ändert sich von Runde zu Runde. Die langsameren Läufer, teilweise auch gehend, versperren einem die Wege zu den Helfern, die einem u.a. Wasser, Iso oder Cola reichen. Teilweise gehe ich leer aus. Die Hitze macht mir zum Glück nicht soviel aus, wie den meisten meiner Mitstreiter, somit kann ich auch mal einen Verpflegungsstand problemlos überspringen. Von Runde zu Runde werde ich nur minimal langsamer. Unterwegs überlege ich, welche meiner Ziele ich nun noch erfüllen kann. "3:17.00 im Marathon müsste reichen - 3:10.00 wird verdammt eng. Unter 9:30.00 gesamt ist schon fast unerreichbar – ach ich bleibe einfach bei meiner realistischen Einschätzung von 9:40.00." So hangele ich mich von Stand zu Stand und von Bekannten zu Bekannten.

Etwa bei Kilometer 17 werde ich dann vom führenden Mann, Timo Bracht, überrundet. Kaum ein Athlet um mich herum, der ob seiner Leistung nicht Beifall klatscht. Die Zuschauer sind sowieso aus dem Häuschen, hatte er doch gerade erst vor wenigen Kilometern zunächst Chris McCormack und anschließend Eneko Llanos überholt. Am Ruderdorf, dem östlichsten Wendepunkt auf der Strecke, überholt mich dann auch der Spanier. Dies sollten die einzigen beiden bleiben, die mich auf der Laufstrecke überholen.

Mit nahezu konstanten Kilometerzeiten gehe ich die letzen beiden Runden an. Der Blick geht immer öfter zur Uhr. "Unter 9:40.00 – oder nicht!?". Ich komme an die Stelle, an der Hütchen die Strecke teilen. Für diejenigen, die ihre vier Runden hinter sich haben, geht es nun vom Mainufer rechts hinauf auf die Straße an den Zuschauertribünen vorbei. Ein tolles Gefühl – dafür nimmt man die insgesamt 226 Kilometer gerne auf sich. Auf dem roten Teppich der hinauf zum Römer ins Ziel führt, hole ich mit den Armen noch mal Schwung um ins Ziel zu springen – geschafft! Die Zeit bleibt für mich bei 9:39.09 stehen.

In "Athlet's" Garden erledige ich zügig meine Sachen. Ein kurzer Blick ins Sanitäter-Zelt verrät mir, dass zahlreiche Athleten Opfer der Hitze wurden. Mir hingegen geht es gut – Hitze ist ja genau mein Ding. Am Ausgang der Erholungszone stehen zahlreiche Leute, die auf ihre Angehörigen warten. Einem kleinen Mädchen schenke ich meine Rundenbänder, während ich auf meine Bekannten warte. Zusammen mit ihnen geht es dann wieder hinunter zum Main, um weitere befreundete Läufer auf ihrem Weg zum Ironman zu unterstützen…

Von meinen Zielen kann ich im Wasser 4 von 5, beim Radfahren 3 von 5 und beim Laufen 3 von 6 erfüllen. Auf der Marathon-Distanz kann ich gar einen Profi-Mann schlagen und muss nur noch drei Profi-Frauen den Vortritt lassen. Insgesamt komme ich vor zwei Profi-Frauen ins Ziel, was mir dazu verhilft 5 meiner 8 Gesamtziele einzuhalten. Die WM-Qualifikation für Hawaii jedoch verpasse ich um 17 Minuten oder um 29. Plätze zum 20. meiner Altersklasse Mit meiner Leistung bin ich dennoch absolut zufrieden und genieße den Rest des wieder einmal tollen Tages.

 ZeitSchnitt *Gesamt/2304AK/447
Schwimmen 2,2 KM: 31.31 1.26 200. 48.
Schwimmen 1,6 KM: 26.42 1.35 204. 51.
Schwimmen: 57.00 1.30 196. 50.
Wechselzone 1: 6.35 - 1435. 305.
Radzeit/Mainkai: 21.27 33,57 319. 86.
Radzeit 1. Runde: 2:23.36 35,10 688. 172.
Radzeit 2. Runde: 2:34.04 32,71 690. 165.
Radzeit **: 5:19.09 33,84 636. 162.
Wechselzone 2: 2.19 - 620. 131.
Laufen 1. Runde: 46.38 4.26 110. 32.
Laufen 2. Runde: 48.42 4.38 84. 28.
Laufen 3. Runde: 48.25 4.37 38. 9.
Laufen 4. Runde: 50.16 4.46 44. 13.
Marathon: 3:14.03 4.36 54. 15.
Gesamtzeit: 9:39.09 - 148. 49.