Ironman EM 06.07.2008 in Frankfurt

Nachdem ich beim Neopren-Testschwimmen vor drei Wochen nach sensationell schnellen 56 Minuten dem Wasser entstieg, habe ich mir zum Ziel gesetzt, heute unter einer Stunde zu bleiben. Die Zeit für die 180 Kilometer Radfahren habe ich mit 5:16.00 und die Zeit für den abschließenden Marathon mit 3:31.00 Stunden bestimmt.

Für beide Wechsel zusammen 13 Minuten, um insgesamt unter der magischen Grenze von zehn Stunden das Ziel auf dem Römer zu passieren. Was ich vor eineinhalb Jahren für absolut unmöglich hielt, soll heute Realität werden.

Zweiter Start - neue Ziele!
Dafür habe ich seit Jahresbeginn meine Trainingsumfänge, -intensitäten und die Anzahl der Einheiten kontinuierlich erhöht und ca. einen Monat vor dem "längsten Tag des Jahres" damit begonnen nach und nach mehr Regenerationspausen einzubauen. Probleme bereitet mir über zwei Monate hinweg eine Knochenhautentzündung infolge von Überbelastung auf dem linken Schienbein. Diese zwingt mich dazu, einige Laufeinheiten abbrechen zu müssen. In dieser Zeit ist es schwierig das richtige Maß zwischen Trainingseifer und Regeneration der Gesundheit Willen zu finden. Bis zum Wettkampftag kann ich das Problem aber einfach nicht lösen.

Das endlos lange Warten
Die letzten Schwimm-, Rad- und Laufeinheiten sind bis Mittwoch abgeschlossen. Von nun an heißt es Regeneration und mal wieder warten. Diese endlos lange Warterei. Das ist für mich der schlimmste Teil zwischen Vorbereitung und Wettkampf. Ändern kann ich an meinem Leistungsniveau sowieso nichts mehr, aber nun habe ich wieder Zeit darüber nachzudenken, ob ich genug und richtig trainiert habe. Und genau damit fülle ich die frei gewordene Zeit.

Wie auch letztes Jahr hole ich am erstmöglichen Tag meine Startunterlagen im Römer ab. Bei der Gelegenheit schaue ich mir die Aufbauarbeiten am Mainkai und auf dem Römer an, welche in vollem Gange sind. Daheim angekommen, fülle ich die unterschiedlich farbigen Beutel für die Wechselzonen schnell mit meinen Wettkampfutensilien. Der Notizzettel aus dem Vorjahr hilft mir dabei.

Wettkampfbesprechung
Freitags lausche ich den Ausführungen des Veranstalters zum Reglement. Eine Neuigkeit gibt es zu beachten: Für Pinkeln während des Radfahrens, im Wechselzelt oder auf der Laufstrecke gibt es nun eine gelbe Karte. Bei Zweien ist man disqualifiziert. Der Rest ist mir wohl bekannt.

Radabgabe
Samstags geht es dann mit dem Shuttle Bus in Richtung Langener Waldsee zum Bike-Check-In. Die obligatorische Sicherheitsprüfung von Rad und Helm geht schnell. Ein Helfer begleitet mich zu meinem Platz, wo ich meine Sachen erledige. Bedingt durch die Streckenänderung beim Schwimmen sehe ich mir den Weg vom Schwimmausstieg bis zu meinem Rad an und präge mir diesen ein.

Am Abend spaziere ich wie auch letztes Jahr hinunter zum Mainufer und beobachte die Helfer, wie sie die Beutel in der zweiten Wechselzone nach Nummern sortiert an die Ständer hängen. Obwohl ich die Gegebenheiten bestens kenne, schaue ich mir den Übergang vom Radfahren zum Laufen nochmals an. Daheim angekommen, lege ich meine Sachen für den nächsten Morgen zurecht und stelle mir einen Zweitwecker für alle Fälle. Um 21:00 Uhr ist Zapfenstreich.

Race Day!
Sonntag - 4:00 Uhr - endlich geht’s los. Ich bin hellwach und voll auf Wettkampf eingestellt. In Ruhe esse ich meine Marmeladen-Toasts, ziehe mich an und verlasse das Haus um 4:45 Uhr in Richtung der Shuttle-Busse, welche die Athleten vom Römer zum Langener Waldsee bringen. Der multilingualen Verbalschlacht im Bus begegne ich wieder einmal mit Schweigen. Zu konzentriert gehe ich Schritt für Schritt alle Abläufe durch.

Am Einlass zur Wechselzone wird bei jedem Teilnehmer überprüft, ob er Fuß- und Handfessel (Zeitmesschip und Armband des Veranstalters mit der Startnummer) angelegt hat. Ab hier geht alles seinen gewohnten Gang. Ich präpariere mein Rad, anschließend mich, ziehe meinen Neoprenanzug an und gebe meine persönlichen Sachen am LKW ab, der diese nach Frankfurt zurück transportiert.

Die Prügelei beginnt
Bedingt durch die Änderung der Startzeiten, die Profis sowie die besten 300 Altersklassenathleten der Vorjahre beginnen schon um 6:45 Uhr, kann ich auch erstmals miterleben, wie die "Waschmaschine" anläuft. Ein tolles Erlebnis, auch wenn es nur das Kleinformat war. Jetzt wird mir klar, warum ca. 10.000 Menschen Sonntag früh zum Schwimmstart kommen.

Ohrenstöpsel einsetzen, Badekappe und Schwimmbrille aufsetzen und schon geht es hinein ins kühle Nass. Ich bewege mich schnell vor bis an die Startleine. Der Countdown wird nicht mehr wie noch in den Jahren zuvor runter gezählt. Um Frühstarts zu vermeiden wird "eine Minute…" und "eine halbe Minute bis zum Start" per Megafon angekündigt und dann wartet man auf den Startschuss. Die letzte halbe Minute bin ich darauf konzentriert, mir eine Lücke zu suchen, in die ich sofort hinein schnellen will, um der Prügelei zu entgehen. Dies gelingt mir auch, allerdings mit einem folgenschweren Fehler, wie sich noch herausstellen wird.

Ich komme gut weg, finde auch gleich Schwimmer an dessen Füßen ich mich im Wasserschatten bewegen kann. Beim Landgang will ich meine Zwischenzeit feststellen, doch hatte ich beim Start in all meiner Konzentration, schlicht und einfach vergessen die Stoppuhr zu starten. Welch‘ blöder Fehler! Hilft nichts – das Rennen geht weiter. So muss ich meine Zeiten eben schätzen. Auch den zweiten Schwimmabschnitt bewältige ich problemlos ohne Schläge und Tritte einstecken zu müssen. Dem Wasser entsteige ich nach 58.09 Minuten, was ich natürlich nicht wissen kann.

Zahlreiche Athleten wie auch ich vermuten später, dass die Schwimmstrecke, ob der insgesamt guten Zeiten, zu kurz gewesen sei. Der Veranstalter beharrt auf Nachfrage darauf, dass die Strecke exakt per GPS vermessen sei. Sei es drum.

Ab auf's Zweirad
Schnell geht es durch die 550m lange Wechselzone - Neo, Schwimmbrille, Stöpsel und Kappe gegen Startnummer, Socken, Radschuhe, Brille, Helm und natürlich Rad getauscht und schon geht die wilde Fahrt los. Mit einem knappen 35er-Schnitt bewege ich mich auf den Mainkai in Frankfurt zu. Beim Übergang, also der zweiten Wechselzone, in die erste der beiden Radrunden starte ich meine Stoppuhr, um wenigstens die Rundenzeiten mit meiner Vorgabe (5:16.00 gesamt, aufgeteilt in 20.00 Minuten bis Mainkai, 2:25.00 für die erste Runde und 2:31.00 für die Zweite) abgleichen zu können. So absolviere ich die ersten 84 Kilometer ohne nennenswerte Ereignisse nur eine Sekunde über meiner angestrebten Zwischenzeit. Bestens!

Auf der zweiten Runde erleide ich, wie auch im Vorjahr wieder einen Einbruch. Allerdings bin ich mit meiner Schwäche nicht allein. An den Anstiegen, wo wenig Zuschauer stehen, gleicht das Rennen, einem "Mannschaftszeitfahren", wie von den Wettkampfrichtern bemängelt wird. Allerdings werden von ihnen keine Verwarnungen ausgesprochen, da viele Athleten so langsam unterwegs sind, dass von Windschatten sowieso nicht mehr gesprochen werden kann und Überholen teilweise in 6. Reihe erfolgen muss. Die Stimmung am Heilsberg, der letzten Erhebung zehn Kilometer vor der Wechselzone, ist wieder einmal überwältigend. Oben angekommen, weiß ich, von nun an geht es nur noch eben oder bergab weiter – geschafft! sechs Minuten über meiner Vorgabe gelange ich in die Wechselzone.

Mein roter Beutel mit den Laufsachen wird mir sogleich von einem der zahlreichen freiwilligen Helfer entgegengehalten und so geht auch dieser Wechsel reibungslos von statten. Raus aus dem Zelt, Trinkbecher geschnappt und Runde abgestoppt. Die Stimmung ist fantastisch. Schnell hole ich Wenke Kujala, die bis dahin zweitplatzierte Profi-Athletin, welche allerdings schon eine Runde (=10,5 KM) Vorsprung hat, ein. Am Zwei-Kilometer-Schild stelle ich fest, dass ich mit 4.40 min/km viel zu schnell unterwegs bin, versuche aber weiterhin das für mich hohe Tempo zu halten, da ich ja die sechs Minuten Verlust auf dem Rad aufholen will. Jedoch lassen die Kräfte auch hier schnell nach und Wenke Kujala überholt mich meiner zweiten Runde. Auf dem Weg zum Ruderdorf werde ich dann von Nicole Leder, der bis dahin Drittplatzierten, überrundet.

Das Ziel erreicht und dennoch knapp verfehlt
Sie wie auch ich können Wenke meiner dritten Runde überholen. Meine Zeiten für die vier mal zu laufende 10,5 Kilometer lange Runde bleiben in etwa identisch. Geistig hangele ich mich wieder einmal von Verpflegungsstand zu Verpflegungsstand. Am Wendepunkt Ruderdorf hole ich mir das letzte Bändchen, welches den Wettkampfrichtern anzeigt, dass der Athlet auch alle Runden gelaufen ist, ab. So geht es für mich die letzten knapp drei Kilometer in Unwissenheit über meine aktuelle Gesamtzeit gen Ziel.

Am Mainkai angekommen biege ich rechts um auf den roten Teppich, der zwischen den Absperrgittern liegt, und laufe auf den Römer zu. Auf der Anzeigetafel kann ich als erste Zahl eine 9 erkennen - kurz denke ich "Ich habe es geschafft unter 10 Stunden zu bleiben". Doch ein paar Schritte weiter springt die 9 in eine 10 um. Eine Zeit, bei der ich letztes Jahr noch Luftsprünge gemacht hätte, erzeugt bei mir tiefe Enttäuschung. Ich habe mich so stark durch den Marathon gekämpft, mit 3:28.05 Stunden bin ich 3 Minuten unter meiner Vorgabe geblieben und dann das: 10:00.19 Stunden. "Die 20 Sekunden hättest Du auch noch locker geschafft" denke ich immer wieder auf dem Weg in "Athlets Garden".

Richtige Freude über das Erreichen des Ziels, was den meisten Menschen als unüberwindbares Hindernis erscheint, will bei mir nicht aufkommen - auch nicht darüber, dass ich meine Zeit um knapp 43 Minuten verbessern konnte. Zu tief sitzt der Stachel, dass ich morgens im Wasser vergessen habe, meine Uhr zu starten. Vor allem muss ich nun ein Jahr damit leben, um es 2009 besser machen zu können.

 ZeitSchnitt *Gesamt/2138AK/266
Schwimmen 2,3 KM: 31.27 1.22 266. 57.
Schwimmen 1,5 KM: 26.42 1.47 428. 81.
Schwimmen **: 58.09 1.32 323. 68.
Wechselzone 1: 6.50 - 1529. 207.
Radzeit/Mainkai: 20.43 34,75 337. 71.
Radzeit 1. Runde: 2:25.01 34,75 656. 115.
Radzeit 2. Runde: 2:37.14 32,05 755. 122.
Radzeit ***: 5:22.59 33,44 667. 115.
Wechselzone 2: 4.14 - 1740. 229.
Laufen 1. Runde: 52.24 4.59 617. 113.
Laufen 2. Runde: 50.37 4.49 208. 45.
Laufen 3. Runde: 51.22 4.54 123. 28.
Laufen 4. Runde: 53.39 5.00 126. 30.
Marathon: 3:28.05 4.56 200. 42.
Gesamtzeit: 10:00.19 - 335. 69.