Ironman EM 01.07.2007 in Frankfurt

Werde ich meine Vorgabe von unter 12 Stunden an diesem Tag, dem längsten Tag des Jahres, wie ihn der Veranstalter der Europameisterschaft im Triathlon über die Langdistanz (unter dem Ironman-Label) nennt, einhalten können? Mein Minimalziel bei der Premiere über die Langdistanz lautet in jedem Fall ankommen; alles was besser ist, wäre natürlich super.

Seit Jahresbeginn standen 150 Schwimmkilometer, 3000 Radkilometer sowie 900 Kilometer per pedes zu Buche; meist auch auf den Original-Streckenabschnitten. Soweit die Pflicht - wie sollte die Kür verlaufen?

Das Warten ist das Schlimmste
In der Woche vor dem Wettkampf passiert nicht mehr viel - Sonntags eine letze Runde mit dem Rad auf der Originalstrecke gedreht, Montags eine abschließende Schwimmeinheit und am Tag vor dem großen Tag steht austraben auf der Original-Laufstrecke als Reizpunkt im Plan.
Ich beschäftigte mich auch mehr mit den Dingen rund um den Wettkampf. Zweifel, ob man genug und richtig trainierte, um das Ziel zu erreichen, kommen auf. Zweifel, die ich die ganzen Monate nicht einmal hegte, da ich viel zu sehr mit meinem Training beschäftigt war. Regen am Wettkampftag käme äußerst ungelegen. Hoffentlich zwingt mich kein Rad-Defekt zur Aufgabe - oder noch schlimmer - ein Sturz. Der Blick in den Wetter-Bericht wird zum täglichen Ritual, obwohl ich weiß, dass ich sowieso nichts daran ändern könnte.

Mit dem Abholen der Startunterlagen stehe ich unter Strom
Donnerstags, am erstmöglichen Tag, hole ich meine Startunterlagen im "Römer" ab. Den Umschlag öffne ich hastig, meine Startnummer ist immer noch die 1180. Natürlich, sie stand auch schon seit Ende Mai fest. Daheim angekommen bringe ich die Aufkleber mit meiner Nummer sofort an meinem Rad und den verschiedenfarbigen Beutel für die Wechselzonen an. Inmitten meiner Wettkampf-Utensilien, die ich schon am Abend zuvor auf dem Wohnzimmerboden ausgebreitet habe, ziehe ich u.a. ein Body-Glide heraus - ein Stick der gegen Wundscheuern schützt. Dieser kommt in den blauen Beutel, jener der neben dem Rad in der ersten Wechselzone liegen wird. In den roten Beutel kommen meine Laufschuhe, Kappe usw. Ich notiere den Inhalt der Beutel auf einen Zettel. Habe ich noch etwas vergessen? Ich beschließe erst mal eine Nacht darüber zu schlafen.

Wettkampfbesprechung in der Eissporthalle
Freitags findet die Wettkampfbesprechung in der Eissporthalle statt. Eine Pflichtveranstaltung für alle Athleten. Neben mir sitzen Teilnehmer aus Dresden, gegenüber aus Dortmund und Umgebung. Die Organisatoren erklären die Wettkampfregeln und weisen u.a. auf gefährliche Abschnitte während des Radfahrens hin. Nichts Neues für mich, da ich die Strecken in- und auswendig kenne. Abends spaziere ich zum Mainkai, einem Straßenabschnitt, der parallel zum Mainufer verläuft und schon seit Montag wegen der Aufbauarbeiten für den Wettkampf für Autofahrer gesperrt ist. Ich begutachte Rad- und Laufstrecke und gehe in Gedanken den Weg des Übergangs vom Radfahren zum Laufen durch. Daheim angekommen präpariere ich mein Rad für den Wettkampf, ein letzter Blick in die beiden Beutel, denn morgen muss ich alles am Langener Waldsee beim "Bike-Check-In" abgeben.

Auch die Profis müssen sich anstellen
Samstags geht es, mit dem eigens vom Veranstalter eingerichteten Shuttle-Bus, die 12 Kilometer vom Frankfurter Paulsplatz gen Süden zum Langener Waldsee. Neben mir sitzt ein Triathlet aus Hamburg. Schnell kommen wir auf das Thema "Beutelinhalte". Dort angekommen, werden Rad und Helm von den freiwilligen Helfern auf Verkehrssicherheit überprüft. Der rote Beutel mit dem Inhalt für die Laufstrecke wird mir sofort abgenommen. Mit einem weiteren Helfer geht es zum zugewiesenen Platz in der Wechselzone. Rad an der Stange eingehängt, Helm am Lenker befestigt, Brille hineingelegt, Startnummer samt Band an den Auflieger gehängt, die blaue Tüte unter das Rad gelegt. Eine Plane schützt das Rad über die Nacht.

Beim Verlassen der Wechselzone kommt mir Normann Stadler mit seiner "Rennmaschine" im Sponsor-Look entgegen. Er muss sich ebenfalls anstellen und die Prüfung seines Rads sowie seines Helms über sich ergehen lassen.

Abends spaziere ich wiederum hinunter ans Mainufer - mentales Training für den Wettkampf. Ich beobachte u.a. die Helfer, wie sie die roten Beutel an den Ständern vor dem Wechselzelt aufhängen. Daheim angekommen werfe ich einen letzten Blick in den Wetterbericht: trockenes Wetter für den Sonntag - perfekt. Ich packe die Sachen, die ich für den morgigen Tag benötige zusammen. Mein Handy stelle ich als Zweitwecker - nur für alle Fälle. Um 22:00 Uhr versuche ich zu schlafen.

Das Warten hat ein Ende
Sonntag, 4:00 Uhr, beide Wecker melden sich in kurzem Abstand zu Wort. Schon beim ersten Klingeln bin ich hellwach, stehe auf - unglaublich - aber wahr. Ich frühstücke in Ruhe meine Toasts mit Erdbeermarmelade und trinke dazu ein wenig Kakao mit Eiweiß. Auf den obligatorischen Kaffee verzichte ich heute. Fertig angezogen, also Triathlon-Zweiteiler drunter und einen bequemen Sport-Anzug drüber, begebe ich mich um 4:45 Uhr auf den Weg. Wiederum vom Paulsplatz fahren Shuttle-Busse die Athleten zum See. Vielsprachig geht es im gut gefüllten Bus zu; ich jedoch bin tief in mich gekehrt und voll auf den Wettkampf fokussiert.

Bei Ankunft am See herrscht in der Wechselzone reges Treiben. Die meisten Sportler sind damit beschäftigt ihre Räder zu präparieren. So werden die Reifen aufgepumpt, Energieriegel in kleineren Stücken auf die Querstange gepappt, Getränke aufgefüllt, der Rücken und andere empfindliche Stellen mit Cremes eingeschmiert. Man hilft sich gegenseitig und kommt so schnell ins Gespräch. Ich richte meine Sachen an meinem Rad so, dass ich möglichst wenig Zeit beim Wechsel auf das Rad verliere. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Zuletzt zwänge ich mich in meinen Neopren-Anzug, den man bis zu einer Wassertemperatur von 24 Grad Celsius tragen darf. Mit Silikon in den Ohren, Schwimmkappe und -brille begebe ich mich ins kühle Nass. Noch 10 Minuten zum Start.

Das Wasser brodelt
Die Deutschlandhymne ertönt, die letzten Sekunden werden vom Veranstalter gemeinsam mit dem Publikum herunter gezählt, …, drei, zwei, eins - der Startschuss erfolgt. Vom Start-Feuerwerk bekomme ich nichts mehr mit. Wohl aber, was es heißt, gemeinsam mit über 2000 Athleten zu schwimmen. Nicht selten muss ich einen Tritt oder einen Schlag einstecken. Noch vor der zweiten Wendeboje, bekomme ich einen derben Schlag auf die Wade. Die Folge ist ein Krampf. Kurze Zeit denke ich: "Das war's." Ich ziehe den linken Fuß an, schwimme so gut es geht weiter, der Krampf löst sich allmählich. Langsam finde ich meinen Rhythmus. Noch ca. 400 Meter bis zum Schwimmausstieg, da bekomme ich die Brille heruntergerissen. Reaktionsschnell und mit viel Glück kann ich sie noch auffangen und wieder aufsetzen. Endlich - Boden unter den Füßen - der Blick zur Uhr: unglaublich - Rekord - 1:06:"nochwas" Stunden - und das nach diesen Handicaps. Mein erstes Ziel habe ich somit schon erreicht, nämlich eine Schwimmzeit unter 1:15 Stunden.

Per Pedale gen Bad Nauheim
An meinem Rad angekommen läuft alles wie geplant: raus aus dem Neo, Füße sauber gemacht, Socken und Rad-Schuhe angezogen, Helm und Brille aufgesetzt, Startnummer umgehängt, Schwimmsachen alle in die zugehörige Wanne neben dem Rad abgelegt. Nun geht es im Laufschritt mit dem Radel hinaus aus der Wechselzone: aufsetzen, einklicken und ab geht die Post. Zunächst geht es auf der vollgesperrten Strecke Richtung Frankfurt. Ich überhole Mitstreiter und werde überholt. Motorisierte Schiedsrichter überprüfen, dass niemand gegen die Windschattenregel verstößt. Nun geht es nach 12 Kilometern an der Wechselzone am Frankfurter Mainkai vorbei. Wenige Zuschauer haben sich in den frühen Morgenstunden zum Anfeuern und Staunen am Mainufer versammelt. Ab jetzt heißt es zwei Runden gen Bad Nauheim und wieder hierher zurück. Auf dem Rad läuft es rund. Ich bin deutlich schneller als geplant unterwegs. Die Zuschauer an der Strecke nehmen proportional zur Tageszeit zu. In den Stimmungsnestern Hochstadt, Hühnerberg, der Burgmeile in Friedberg sowie am Heilsberg in Bad Vilbel werden wir Athleten vom Lärm der zahlreichen Zuschauer die Anstiege förmlich hinaufgetrieben.

Die zweiten 84 Kilometer
Während der zweiten Durchfahrt des Mainkais herrscht ein völlig anderes Bild. Zuschauermassen drängen sich an den Straßenrändern hinter den Banden, ohrenbetäubender Lärm, der Duft von Bratfett ist allgegenwärtig. Meine Zeit passt, ich liege voll im soll. Noch eine Runde, mehr als die Hälfte auf dem Rad liegt hinter mir. Doch in dieser Runde erleide ich plötzlich einen deutlichen Leistungsabfall auf dem Rückweg von Bad Nauheim nach Frankfurt. Dem obligatorischen Gegenwind auf diesem Streckenabschnitt kann ich wenig entgegen setzen. Habe ich zu wenig gegessen, oder zolle ich einfach nur dem hohen Anfangstempo Tribut? Die Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt langsam aber stetig. Die Stimmung am Heilsberg, der letzten Erhebung ca. 10 Kilometer vor dem Ende der Radstrecke, ist auf dem Siedepunkt. Das gleicht den Bildern der Bergetappen bei der Tour de France. Ich quäle mich mit schmerzendem Rücken und Nacken den Berg hinauf; von nun an geht es den Rest des Weges fast ausschließlich bergab. Trotz meines Leistungsabfalls erreiche ich die Wechselzone, wiederum in Rekordzeit für 180 Kilometer, nach 5 Stunden und 32 Minuten. Somit habe ich auch meine zweite Vorgabe, unter 6 Stunden auf dem Rad zu verbringen, erfüllt. Was soll jetzt eigentlich noch schief gehen?

Vier Runden am Mainufer
In der Wechselzone wird mir von einem der zahlreichen freiwilligen Helfer, ohne die eine solche Veranstaltung gar nicht möglich wäre, mein roter Beutel mit den Laufsachen gereicht. Hinein ins Wechselzelt - Socken- und Schuhwechsel verlaufen wie geplant. Vier Runden sind nun am Mainufer zu bewältigen um auf die Marathondistanz zu gelangen. Die Stimmung ist fantastisch. Ich hangele mich gedanklich von einem zum nächsten Verpflegungsstand, welche im Abstand von 1,5 Kilometer aufgebaut sind. Immer wieder nehme ich die Stimmen der Helfer "Eis, Wasser, Cola, ..." war, die damit signalisieren, um welchen Inhalt es sich in den gereichten Bechern handelt. An jedem dritten Verpflegungsstand greife ich mir ein Energie-Gel für den Nachschub an Kohlehydraten. Ob dies wirklich etwas bringt ist strittig, aber was für den Kopf gut ist, ist auch für die Beine gut.

Dreimal müssen wir Athleten mit wehmütigem Blick an den Hütchen auf der Laufstrecke vor der Wechselzone links vorbeistapfen, bis wir endlich das vierte Kontroll-Armband beisammen haben, welches belegt, dass wir auch wirklich alle vier Runden gelaufen sind. Meine Rundenzeiten bleiben in etwa identisch. Ich weiß nicht mehr genau, bei welchem Kilometer es war, aber ich kenne das Gefühl, wenn das Bewusstsein von "ich kann das Ziel erreichen" auf "ich werde das Ziel sicher erreichen" umschlägt. Ein regelrechter Endorphin-Cocktail durchzieht den Körper in diesem Moment

Ein Helfer, der die vier Bänder an meinem Arm von Weitem sieht, weist mir den Weg - diesmal rechts vorbei an besagten Hütchen auf den Mainkai. Tosender Beifall von den Tribünen befügelt an dieser Stelle alle Athleten, nochmal alles zu geben. Nun biege ich um die Ecke herum auf den roten Teppich - 200 Meter noch zum Ziel auf dem "Römer". Was sich nun in meinem Körper abspielt ist unbeschreiblich. Diese eine Minute, eine gefühlte Ewigkeit, vergesse ich nie - diese wird kein Finisher vergessen! Das Gefühl von totaler Erschöpfung gepaart mit unfassbarem Glück ist eine Kombination, die einen für einen kurzen Moment schweben lässt und einem die Tränen in die Augen treibt. Meine Zeit kann ich beim Überqueren der Ziellinie schon nicht mehr richtig lesen - sie ist aber in diesem Moment auch unwichtig. Das Ziel war das Ziel! Mein letztes Ziel, unter 12 Stunden zu bleiben, habe ich mit 10:43.07 Stunden quasi pulverisiert. Ist es wirklich "der längste Tag des Jahres"? Mag sein - es ist aber auch der schönste Tag des Jahres.

 ZeitSchnitt *Gesamt/2121AK/301
Schwimmen Teil 1: 38.46 - 708. 135.
Schwimmen Teil 2: 27.48 - 675. 129.
Schwimmen: 1:06.34 1.45 687. 130.
Wechselzone 1: 9.56 - 2062. 296.
Radzeit/Mainkai: 21.42 33,18 648. 135.
Radzeit 1. Runde: 2:26.49 34,33 881. 166.
Radzeit 2. Runde: 2:43.17 30,87 1202. 203.
Radzeit: 5:31.49 32,55 997. 183.
Wechselzone 2: 6.28 - 2086. 303.
Laufen 1. Runde: 57.05 5.26 1166. 199.
Laufen 2. Runde: 55.26 5.17 571. 115.
Laufen 3. Runde: 56.53 5.25 421. 86.
Laufen 4. Runde: 58.52 5.30 402. 79.
Marathon: 3:48.17 5.25 549. 110.
Gesamtzeit: 10:43.07 - 760. 143.