Zugspitz Ultratrail 25./26.06.2011 in Grainau

Dass es hart werden würde, war Steffen und mir bewusst. Zwei Wochen nach unserem "Doppel-Ironman" nahe Wien war nun das Zugspitzmassiv Schauplatz einer zumindest für mich neuen Herausforderung. Mein erster Traillauf überhaupt zählt 101 Kilometer mit 5474 Höhenmetern.

Die hohen Sicherheitsauflagen des Veranstalters zeigen schon vorweg, dass der Lauf extrem werden wird. So befinden sich neben den 9 Verpflegungsstationen 39 Meldepunkte, an denen der Durchgang eines jeden Läufers notiert wird. Zu den weiteren Auflagen gehören u.a. das Mitführen von Kleidung, die den ganzen Körper bedeckt, Regenkleidung, mind. 1,5 Liter Wasser, eine Rettungsfolie usw. All dies wird bei der Startaufstellung am Morgen überprüft.

Der Start erfolgt um 7.15 Uhr für ca. 400 Läufer in Grainau auf 744m Höhe. Nun gilt es 5 Gipfel bis zu 2200m hoch zu erklimmen und dabei 9 Versorgungsstationen anzulaufen. Steffen und ich reihen uns weit hinten ein. Wird zu Anfang im Feld noch rege geplaudert, ist es spätestens beim Anstieg zur Eibseealm (1016m) still um uns herum.

Nach welligem Profil erreichen wir die Zugspitzbahn auf 1242 m Höhe bei km 10. Von hier aus geht es zur nochmals 300m höher gelegenen deutsch-österreichischen Grenze. Die Wege sind bis dahin noch breit und gut zu belaufen. Mit kurzen Anstiegen zwischendurch geht es nun größtenteils bergab bis zum Fuß des höchsten Berges. Auf halbem Weg kommen wir dabei an der 2. Verpflegungsstelle "Talstation Ehrwalder Zugspitzbahn" um Kilometer 17,5 vorbei.

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{vsig_c}0|2011_06_25_zugspitz_ultra_01.jpg|Taschenkontrolle - Überprüfung auf vollständige Mindestausrüstung{/vsig_c}
{vsig_c}0|2011_06_25_zugspitz_ultra_02.jpg|Da war die Welt noch in Ordnung. ;-){/vsig_c}
{vsig_c}0|2011_06_25_zugspitz_ultra_03.jpg|1. Verpflegungsstelle nach rund 10 km.{/vsig_c}
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{vsig_c}0|2011_06_25_zugspitz_ultra_06.jpg|Schmale Wege - beeindruckende Landschaften!{/vsig_c}
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Auf weniger als 10km sind nun 1000hm zu einem Punkt 150m über Feldernjöchl abzuarbeiten. Inmitten der Steigung erreichen wir den 3. Verpflegungspunkt, wo auch schon die ersten Läufer kapitulieren. Meine Oberschenkel sind jetzt schon kaum noch zu gebrauchen und es liegen noch über 70km vor uns. Keine schöne Aussicht, aber man muss auch mal etwas durchstehen und noch liegen wir 2,5h unter dem Zeitlimit.

Die Strecke ist ebenfalls unwegsamer geworden. Auf schmalen steinigen Pfaden müssen wir uns oberhalb der Baumgrenze trittsicher vorwärts bewegen. Gefährliche Passagen, die im "Augen-zu-und-durch-Prinzip" zu nehmen sind, folgen. Dabei geht es mit Schwung auf etwa 30-40 cm breiten Wegen an Felsen ohne Seilsicherung vorbei. Auf der anderen Seite sollte man besser nicht nach unten gucken.

Mein einziger Ausrutscher endet glimpflich, da ich mich beim Abgang auf dem Weg zur Hämmermoosalm (1400m) lediglich einmal auf den Hosenboden setze. Am nächsten Verpflegungsstand bei ca. 42km steigen die nächsten freiwillig aus oder werden von den Streckenposten aus Sicherheitsgründen aus dem Rennen genommen. 8:15 Stunden für einen knappen Marathon! Das hätte ich mir nicht träumen lassen, mal so langsam unterwegs zu sein.

Es folgen 600 anstrengende und bisweilen auch gefährliche Höhenmeter aufs Scharnitzjoch (2048m). War der Anstieg schon kraftraubend, ist der Abgang nochmals härter. Unwegsames Gelände mit Geröll, Matsch und Rinnsälen erschweren den Abstieg unwahrscheinlich. Auf 5 km geht’s für uns fast 1000 Meter hinab, also knapp 20 % Gefälle. Da wir ohne Stöcke unterwegs sind, werden wir natürlich auch wieder von zahlreichen Mitstreitern überholt, von denen wir glaubten, dass wir sie lange hinter uns gelassen haben. Die Hilfsmittel erweisen sich gerade bergab als großer Vorteil, kann man doch so auch schwierige Passagen trittsicher zurücklegen.

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{vsig_c}1|2011_06_25_zugspitz_ultra_09.jpg|Nach mehr als 8 Stunden haben wir den ersten Marathon hinter uns gebracht - unglaublich, aber wahr!{/vsig_c}
{vsig_c}1|2011_06_25_zugspitz_ultra_10.jpg|Eine der zahlreichen Wegmarkierungungen.{/vsig_c}
{vsig_c}1|2011_06_25_zugspitz_ultra_11.jpg|5. Versorgungspunkt kurz vor km 60.{/vsig_c}
{vsig_c}1|2011_06_25_zugspitz_ultra_12.jpg|So viel Zeit muss sein - gute Laune trotz Strapazen!{/vsig_c}
{vsig_c}1|2011_06_25_zugspitz_ultra_13.jpg|Kurze Ortspassage in die Nacht hinein.{/vsig_c}
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Zwischendurch kommen wir am "Noch 50 KM"-Schild vorbei. Halbzeit - Ab jetzt geht's rückwärts! Bei Kilometer 55 erreichen wir am Hubertushof Reindlau die 5. Verpflegungsstation. Hier müssen alle Läufer durchs Ärztezelt laufen. Auch hier steigen wieder einige Teilnehmer aus; andere werden vom Streckenarzt aus dem Rennen genommen. Wer vor dem Start einen Kleiderbeutel beim Veranstalter mit Wechselklamotten abgegeben hat, kann hier auf diese zurückgreifen, was Steffen und ich auch tun. Insgesamt "verlieren" wir hier eine Dreiviertelstunde.

Es geht zunächst flach weiter; die Dämmerung hat eingesetzt. Wir traben und gehen abwechselnd. Zwischendurch haben wir die Zeit an einem Bach Fotos von uns zu schießen. Bei km 63, Leutasch "Geisterklamm" im Mittenwald, betreten wir wieder deutschen Boden. Den nächsten Versorgungsstand bei km 70, ein "Lichtblick" in der Nacht, erreichen wir relativ "schnell". Wir sind noch 2 Stunden unter dem Zeitlimit. Bananen, Orangen und Marmorkuchen sind die erste Wahl, wie auch schon zuvor.

Nach kurzem auf und ab gelangen wir über eine endlos lange Treppenstufen-Passage zur nächsten Verpflegungsstelle auf 810 Meter Höhe. Hier muss die vordere Oberschenkelmuskulatur wieder Höchstarbeit leisten, obwohl sie schon seit 50 km quasi "im Eimer" ist.

Der 3. und letzte Anstieg auf über 2000 Meter Höhe liegt jetzt noch vor uns. Nochmals 10 km bergauf und dann 10 km bergab. Zunächst legen wir zumeist über Treppenstufen 200 Höhenmeter auf dem ersten km zurück. Auf ein kurzes Stück bergab folgt ein nicht enden wollender serpentinenartiger Trampelpfad, dem man stur im Lichtkegel seiner Stirnlampe folgt. Unterwegs überholen Steffen und ich zahlreiche Mitstreiter, die mir ihren Kräften am Ende zu sein scheinen und teilweise gar an Felsen angelehnt stehen.

Besser fühlt sich mein Körper auch nicht an, aber getrieben von meiner bis dahin 100-prozentigen Wettkampf-Erfolgsquote setze ich einen Fuß vor den anderen. Mittlerweile ist das Bergaufgehen auch schmerzhaft, aber der eine "Hügel" macht mir keinen Strich mehr durch die Rechnung.

Wir gelangen auf einen Forstweg und kurz darauf an den letzten Versorgungsstand, der nach einer Schleife um die auf 2029m hoch gelegene "Station Alpspitzbahn" ein zweites Mal angelaufen werden muss. Unsere Regenjacken finden nun auch noch Verwendung – da ein Schauer einsetzt und es zudem stark windet. Während der 7 KM langen Schleife wird es wieder hell – rechtzeitig zur anspruchsvollen Bergab-Passage.

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{vsig_c}2|2011_06_25_zugspitz_ultra_17.jpg|Wieder in Grainau - nur noch wenige Meter ins Ziel.{/vsig_c}
{vsig_c}2|2011_06_25_zugspitz_ultra_18.jpg|Steffen war schon eine runde halbe Stunde vor mir im Ziel.{/vsig_c}
{vsig_c}2|2011_06_25_zugspitz_ultra_19.jpg|Dann ist es auch für mich soweit.{/vsig_c}
{vsig_c}2|2011_06_25_zugspitz_ultra_20.jpg|Geschafft in zweierlei Hinsicht.{/vsig_c}
{vsig_c}2|2011_06_25_zugspitz_ultra_21.jpg|Die wohl am härtesten erkämpfte Medaille.{/vsig_c}

Diese krabbele ich an steilen und matschigen Stellen teilweise auf alle Vieren hinab. An einem der 39 Kontrollpunkte ruft mir ein Helfer zu, dass es nun nur noch bergab ginge. "Wenn ich die Kraft noch hätte, würde ich ihn wahrscheinlich erwürgen" – zumindest gedanklich tat ich das. Bergab – ein äußerst schmerzvoller Abstieg. Einen halben Meter hohe Hindernisse gehe ich seitlich hinunter, um einen Sturz zu vermeiden.

Die letzten km haben es nochmals in sich. Selbst die Forstwege sind stellenweise so vermatscht und steil, dass ich mich nur noch seitlich in 30cm-Schritten vorwärts bewege. Wie angenehm ebener Asphalt sein kann, erfahre ich auf den letzten knapp 1,5 KM ins Ziel. Steffen, der rund eine halbe Stunde vor mir ins Ziel kam, erwartet mich mit Daniela im Ziel, das ich nach 24:38.31 Stunden um kurz vor 8.00 Uhr morgens erreiche. Ich erhalte meine wohl am härtesten erkämpfte Medaille und mache auch mal die Erfahrung, wie es ist, wenn man gegen das Zeitlimit ankämpfen muss.

Auf direkten Weg laufe ich in unsere Unterkunft - duschen, frühstücken und auschecken steht vor der Siegerehrung um 10.00 Uhr noch auf dem Plan; schlafen fällt aus. Der Sieger, ein spanischer Trail-Spezialist, brauchte übrigens knapp 11 Stunden für die 101 KM und erhält den verdienten Applaus. Wie im Triathlon werden auch die Alterklassenathleten geehrt.

Eine schöne Veranstaltung neigt sich dem Ende zu. Äußerst positiv fand ich die Streckenmarkierungen, die zu keiner (Tages-) Zeit Fragen offen ließen. Auch die Startnummernausgabe erfolgte schnell und zielgerichtet. Zudem schmeckten sogar die Nudeln bei der Pasta-Party. Insgesamt wirklich eine gelungene Veranstaltung.